Sie schreiben in einer klaren, schnörkellosen Sprache. Diese Sprache ist literarisch, aber sie ist nicht Selbstzweck, sondern dient dem erzählerischen Element. Können Sie mit Sprachexperimenten etwas anfangen? Zum Beispiel mit Poetry Slam? Oder mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die eine eigene Kunstsprache entwickelt haben, wie zum Beispiel Elfriede Jelinek?

Gerade mit diesen beiden kann ich viel anfangen. In Innsbruck gibt es ja eine sehr aktive Poetry- Slam-Szene mit Stefan Abermann, Martin Fritz, Emil Kaschka, Markus Köhle, und ich habe oft ihre Veranstaltungen besucht. Von Jelinek kenne ich die Bücher "Lust", "Die Liebhaberinnen", "Die Klavierspielerin", die mir sehr gut gefallen haben. Andere Sprachexperimente fallen mir jetzt nicht ein. Aber ich kann in der Kunst mit sehr vielem etwas anfangen, das ich selbst nicht beherrsche. Ich liebe zum Beispiel das Theater und auch das Kino. Fotografie hat mich immer schon interessiert. Keinen Zugang finde ich hingegen zu Opern, sie langweilen mich, ihre Handlungen finde ich zumeist einfach nur hanebüchen.

In Ihren Büchern gibt es stets überraschende schicksalshafte Wendungen und es geht um die Themen Liebe und Tod, Schuld und Sühne, Chancen und Versäumnisse sowie die Wirksamkeit der Vergangenheit. Glauben Sie im wirklichen Leben eher an Zufall oder Bestimmung?

Weder noch. Ich glaube eher an einen freien Willen. Aber eigentlich habe ich mich bisher nicht besonders intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt, weil ich sie nicht so interessant finde. Faszinierender finde ich die Fragen: Warum entwickelt ein Mensch sich so und nicht anders? Warum verläuft ein Leben so wie es verläuft und nicht anders? Wer - oder was - spielt dabei eine Rolle? Und vor allem: Warum entscheidet sich der einzelne Mensch oft gegen die eigenen Wahlmöglichkeiten und nimmt sein Verhalten als evolutionäres, soziologisches, biologisches Diktat an?

Hat das Schreiben Ihnen die Antworten auf diese Fragen näher gebracht?

Nein, nicht wirklich. Am ehesten sind es "Verstrickungen" mit der Herkunft, der eigenen Vergangenheit und der Rolle, die man in der Verwandtschaft einnimmt, so würde ich das bezeichnen. Viele Menschen können sich davon vermutlich nicht befreien. Aber eigentlich ist es ein unlösbares Mysterium - und das ist das Spannende daran. Ich kann und möchte in meinen Romanen auch keine fertigen Antworten lie-
fern.

Vergangenheitsbewältigung - nicht nur im politischen, sondern auch im privaten Sinn - ist ebenfalls ein wichtiges Thema in Ihren Büchern. Haben Sie sich als Adoptivkind, das mit acht Monaten in eine Pflegefamilie kam und mit zwei Jahren von dieser adoptiert wurde, besonders intensiv mit Ihrer Herkunft und Vergangenheit auseinandergesetzt?

Mich hat in der Pubertät die Sache mit der Adoption sehr beschäftigt, ich glaube, das ist natürlich. Die Frage nach den Wurzeln oder - banaler ausgedrückt - die Fragen "Wie sehen meine leiblichen Eltern aus?" und "Warum haben sie mich weggegeben?" sind in meinen Gedanken herumgegeistert und haben mir keine Ruhe gelassen. Nachdem ich meinen leiblichen Vater mit 14 und die leibliche Mutter mit 16 kennenlernen durfte, hat mich die Sache kaum mehr interessiert. Meine Neugier war befriedigt.