Teheran/Washington. (rs) Fast auf den Tag genau vor vier Jahren feierte die internationale Gemeinschaft das Atomabkommen mit dem Iran als diplomatischen Triumph. Teheran stimmte damals nach harten Verhandlungen in Wien der drastischen Begrenzung seines Atomprogramms zu, um im Gegenzug die erhoffte Aufhebung der Wirtschaftssanktionen zu erreichen und die Rolle des internationalen Paria-Staates abzustreifen.

Doch nicht nur die im Juli 2015 herrschende Euphorie ist schon längst verschwunden. Seit US-Präsident Donald Trump die Vereinbarung im vergangenen Jahr einseitig gekündigt hat, ist auch die technische Basis des Abkommens immer weiter erodiert. So haben die Europäer, die den Atomdeal unbedingt retten wollen, bis heute keinen geeigneten Weg gefunden, um die neuen US-Sanktionen gegen den Iran zu umgehen. Der wirtschaftliche Aufschwung, der dem Iran 2015 in Aussicht gestellt wurde, war damit schon wieder zu Ende, noch bevor er richtig begonnen hatte.

- © M. Hirsch
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Doch auch der Iran hat inzwischen mehrfach die Bestimmungen des Abkommens verletzt. Nachdem in der vergangenen Woche die erlaubte Lagermenge von 300 Kilogramm Uran überschritten wurde, hat die Islamische Republik nach eigenen Angaben nun auch den zulässigen Anreicherungsgrad von 3,67 Prozent überschritten. Und es könnte wohl auch noch deutlich mehr werden.

Eine Uran-Anreicherung von 20 Prozent sei derzeit zwar nicht nötig, sagte Abbas Mussawi, der Sprecher des iranischen Außenministers, am Montag im staatlichen Fernsehen. "Aber wenn wir wollen, dann produzieren wir das. Wenn die 3,67 Prozent überschritten sind, dann gibt es kein Hindernis und kein Problem."

Sollte der Iran, der mit dem Aussetzen seiner vertraglichen Verpflichtungen vor allem die Europäer unter Druck setzen will, seine Uranbestände tatsächlich auf 20 Prozent oder mehr anreichern, wäre wieder der Zustand erreicht, der unmittelbar vor der Unterzeichnung des Atomabkommens bestanden hat. Damals war es eine der zentralen Bestrebungen der internationalen Staatengemeinschaft gewesen, den Zeitraum, den Teheran für den Bau einer Atombombe braucht, deutlich zu verlängern. Durch die vertraglich festgehaltenen und von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO kontrollierten Bestimmungen sollte es zumindest ein Jahr dauern, bis der Iran eine Kernwaffe zum Einsatz bringen kann und nicht bloß zwei oder drei Monate.

Aufwendige Anreicherung

Für den Bau einer Atombombe muss Uran-235 auf rund 90 Prozent angereichert werden, also ein Vielfaches mehr die drei Prozent, die für die zivile Nutzung in einem Atomkraftwerk benötigt werden. Die Anreicherung auf dieses Niveau ist allerdings extrem aufwendig. Da sich Uran-235 nicht chemisch vom natürlich vorkommenden Uran-238 trennen lässt, braucht man komplizierte mechanische Methoden, bei denen das unterschiedliche Gewicht der Atome der beiden Uran-Isotope genutzt wird. Dabei wird das in gasförmigen Zustand überführte Grundmaterial in fast reibungsfrei gelagerten Zentrifugen mit sehr hoher Umdrehungszahl geschleudert, sodass sich das schwere Uran-238 durch die Zentrifugalkräfte vom leichteren U-235 trennt. Pro Schleudervorgang werden allerdings nur ganz geringen Mengen produziert, weshalb im Regelfall tausende Zentrifugen parallel betrieben werden. So hatte der Iran, bevor sein Bestand an Zentrifugen durch das Wiener Abkommen um fast zwei Drittel gekürzt wurde, rund 19.000 Einheiten im Einsatz.

Die EU-Kommission zeigte sich am Montag "extrem besorgt" angesichts der jüngsten Entwicklungen und appellierte an den Iran, die Auflagen des Abkommens wieder zu erfüllen. Doch ohne Gegenleistung seitens der Europäer dürfte die Islamische Republik wohl nicht wieder so schnell an den Verhandlungstisch zurückkehren.

Der Iran werde so lange weitere Verpflichtungen aussetzen, bis er ein Ergebnis erzielt habe, sagt Außenministeriumssprecher Mussawi, der bei dieser Gelegenheit auch unterstrich, dass sein Land nur an Beratungen über das aktuelle Atomabkommen teilnehmen werde und keine Verhandlungen über ein neues führe.

Trump droht dem Iran

Trump, der den Iran mit massiven Wirtschaftssanktionen zu einer deutlich weiter reichenden Vereinbarung über sein Atom- und Raketenabkommen zwingen will, hat Teheran dagegen mit ernsten Konsequenzen gedroht, falls es seine Anreicherungsquote nach oben schraubt. "Sie sollten besser vorsichtig sein", sagte der US-Präsident am Sonntag in Morristown, New Jersey. Der Iran tue viele schlechte Dinge. "So, wie sie das wollen, würden sie ein automatisches Recht auf den Besitz von Atomwaffen bekommen. Der Iran wird aber niemals eine Atomwaffe haben."