Paris/Rom/Washington. (rs) Als Mitte der Woche bei einem Luftangriff auf das Lager Tadschura dutzende Migranten ums Leben kamen, zeigte sich auch im UN-Sicherheitsrat das gesamte Ausmaß der libyschen Tragödie. Bei einer Dringlichkeitssitzung verweigerten die USA die Zustimmung zu einer von Großbritannien entworfenen gemeinsamen Erklärung, mit der der Angriff verurteilt werden sollte. Die US-Delegation im höchsten UN-Gremium hatte nach eigenen Angeben kein grünes Licht von Präsident Donald Trump dafür bekommen.

Dass die internationale Staatengemeinschaft in Libyen nicht an einem Strang zieht, ist freilich alles andere als neu. Schon bei der Militärintervention zum Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 war es zu massiven Differenzen unter den westlichen Verbündeten gekommen. So machten sich Frankreich und Großbritannien für ein Eingreifen stark, Deutschland und mehrere osteuropäische Staaten kritisierten das Vorhaben dagegen scharf.

Die Uneinigkeit der Regierungen in Europa und den USA trägt bis heute zur libyschen Abwärtsspirale bei. Neben halbherzigen Forderungen nach einer Waffenruhe und einer Rückkehr zu politischen Gesprächen hat der Westen sich bisher auf keine gemeinsame Libyen-Linie einigen können. So wird Frankreich vorgeworfen, den weite Teile Libyens kontrollierenden General Khalifa Haftar stillschweigend unterstützt zu haben - auch wegen der großen Ölreserven im Land. Rom soll Paris etwa verdächtigt haben, sich einen größeren Anteil an den Energievorkommen in Libyen sichern zu wollen, wo der italienische Energiegigant ENI eine traditionell starke Stellung hat.

Für Italien geht es aber längst nicht nur um das libysche Öl. Denn für die zehntausenden Migranten, die derzeit in Libyen auf eine Bootsüberfahrt nach Europa hoffen, ist die italienische Insel Lampedusa das naheliegendste Ziel. Die Regierung in Rom kooperiert daher mit der international anerkannten Regierung in Tripolis und unterstützt die libysche Küstenwache bei der Aufbringung von Bootsflüchtlingen.

Keine klare Linie gibt es aber auch seitens der USA. Eigentlich hatten das Außen-und das Verteidigungsministerium Haftar dazu bewegen wollen, die Kämpfe einzustellen und seine Truppen zurückzuziehen. Doch dann stärkte Trump dem General mit einem persönlichen Telefonat den Rücken und steuerte die diplomatischen Bemühungen in eine Sackgasse. Als Haftar Tripolis angriff, zogen sich die US-Soldaten dort hastig zurück und überließen dem General das Feld. Der Wille, nach dem Militäreinsatz zum Sturz Gaddafis erneut in Libyen einzugreifen, geht gegen null.

Wie Syrien oder der Jemen wandelt sich der Konflikt damit schrittweise zum unlösbaren Stellvertreterkrieg, in dem bei weitem nicht nur westliche geopolitische Interessen eine Rolle speilen. So genießt Haftar den Rückhalt Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Auf der anderen Seite stehen etwa Katar und die Türkei.