Ankara/Brüssel/Moskau. Am Donnerstag begeht die Nato ihr 70-jähriges Bestehen. In Brüssel werden die Außenminister der 29 Mitgliedstaaten auf das Jubiläum anstoßen und Nato-Chef Jens Stoltenberg wird einen Toast auf die Erfolge des im Kalten Krieg gegründeten Verteidigungsbündnisses zur Sicherung von Frieden und Stabilität sprechen. Doch echte Feierstimmung dürfte schwerlich aufkommen. Das westliche Bündnis steckt in einer tiefen Krise. Nicht nur der wachsende geopolitische Einfluss der Militärgroßmächte Russland und China macht der Nato gehörig zu schaffen. Zum Sorgenkind hat sich auch die Türkei entwickelt. Ihr offensiver Schmeichelkurs mit Moskau bei den übrigen Bündnispartnern Unmut und Besorgnis auslöst. Man befürchtet, dass sich unter Präsident Recep Tayyip Erdogan das Land gänzlich von der Allianz abwendet.

Wegen eines milliardenschweren Rüstungsgeschäfts, das Erdogan und Wladimir Putin persönlich eingefädelt haben, haben die USA nun die Reißleine gezogen: Die Auslieferung moderner F-35-Kampfflugzeuge an die Türkei wurde gestoppt. Sollte der Nato-Partner am Kauf des russischen S-400-Luftabwehrsystems festhalten, würden die US-Kampfjets nicht mehr geliefert, ließ das Pentagon wissen. Auch türkische Zuliefererfirmen sind betroffen. Sie haben bereits eine Milliarde Dollar in die Entwicklung und Herstellung des Hightech-Flugzeugs investiert. Diese Kooperation - mit einem Auftragsvolumen in Höhe von 12 Milliarden Dollar - wurde von den USA ebenfalls auf Eis gelegt. Dort will man nun alternative Partner für den Bau von F-35-Komponenten suchen.

Insgesamt will die türkische Luftwaffe 100 Kampfjets vom Hersteller Lockheed Martin kaufen. Türkische Piloten haben in den USA bereits mit dem Training begonnen. Auch das wird vorerst eingestellt.

Zusätzlich zum Ausschluss vom F-35-Projekt drohen der Türkei in den USA Strafen unter dem Caatsa-Gesetz ("Countering America’s Adversaries Through Sanctions Act"), das Geschäfte mit russischen Rüstungsfirmen sanktioniert. "Die US-Regierung und der Kongress machen keine leeren Drohungen", sagt die Forscherin Amanda Sloat vom Brookings Institute. Unter den Nato-Partnern besteht vor allem die Sorge, dass die Russen über das S-400-System Daten von Nato-Flugzeugen erhalten. Auch gibt es Zweifel, dass S-400 mit den westlichen Systemen kompatibel ist.

Die Türkei - die in der Nato die zweitgrößte nationale Armee nach den USA stellt - verfügt bisher über kein modernes Luftabwehrsystem. Erdogan begründet die Entscheidung für die russischen S-400 damit, dass die USA der Türkei kein adäquates Angebot gemacht hätten.

Vergangenes Jahr genehmigte die US-Regierung jedoch den Verkauf von Raketenabwehrraketen des Typd Patriot, und Anfang März begannen nach Angaben des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu Gespräche über den Kauf. Erdogan hielt dennoch an dem Kauf der S-400 fest. Diese seien notwendig, um die türkischen Grenzen zu beschützen, betonte am Wochenende.

Istanbul-Ergebnis weiter offen

Dass Erdogan just am Tag vor den Kommunalwahlen für eine stärkere Selbstverteidigungskapazität der Türkei mit antiwestlichem Unterton warb, war Teil des Wahlkampfes. Geholfen hat die Rhetorik nicht, die AKP verlor die Hauptstadt Ankara und zahlreiche andere Ballungszentren.

In Istanbul legte die Regierungspartei angesichts ihrer erwarteten Niederlage (der CHP-Kandidat lag 25.000 Stimmen vorn) Einspruch gegen die Ergebnisse ein. Der AKP-Vorsitzende in Istanbul, Bayram Senocak, begründete dies mit "zahlreiche Unregelmäßigkeiten und Fälschungen". Die AKP habe daher bei der Wahlkommission die Resultate in allen 39 Bezirken der Metropole beeinsprucht, sagte er.