Wien. (red) In Israel wird kommenden Dienstag ein neues Parlament gewählt. Für Langzeit-Premier Benjamin Netanjahu geht es dabei um alles. Die Korruptionsjäger sitzen ihm im Nacken. Eine Anklage steht im Raum, im schlimmsten Fall könnte die Sache für Netanjahu mit einem ausgedehnten Gefängnisaufenthalt enden.

Ende Februar bestätigte Generalstaatsanwalt Avishai Mandelblit, dass er Netanjahu wegen Bestechlichkeit, Betrugs und Vertrauensmissbrauchs anklagen will. So soll Netanjahu etwa einem Zeitungsverleger angeboten haben, einen Konkurrenten zu schwächen, wenn er im Gegenzug positiv über ihn berichtet. Jüngst ist er auch wegen eines U-Boot-Deals mit dem deutschen Unternehmen ThyssenKrupp ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Er soll auf den Deal gedrängt haben, um die Aktienkurse einer Firma in die Höhe zu treiben, an der er selbst beteiligt war. Beobachter erwarten, dass Netanjahu sich nach einem Wahlsieg mit Gesetzesänderungen Immunität in den Korruptionsverfahren verschaffen will.

Bündnis "Blau-Weiß"

Der Premier steht aber vor allem deshalb unter Druck, weil sich eine Oppositionsallianz unter der Führung des ehemaligen Generalstabschefs Benny Gantz gebildet hat. Drei Parteien haben sich zum Bündnis "Blau-Weiß" zusammengeschlossen, in den Umfragen liefert sich die Allianz ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Netanjahus Likud. Am Wochenende sah eine Erhebung des Fernsehsenders Channel 12 das Oppositionsbündnis mit 32 zu 28 Mandaten vorne.

Politisch ist Gantz ein Newcomer. Ende Jänner trat der 59-Jährige zum ersten Mal live auf, um seine neue Partei "Hosen L‘Ysrael" ("Widerstandskraft für Israel") zu präsentieren. Der Ex-Militär mit den grauen Haaren und hellen Augen ist der Angstgegner Netanjahus. Er ist in Israel populär, gilt als charismatisch und bescheiden. Geboren wurde er 1959 in der Gemeinschaftssiedlung (Moshav) Kfar Achim rund 50 Kilometer südlich von Tel Aviv. Der vierfache Vater hatte Ende Dezember seine Zentrumspartei gegründet. Gantz hat sich für den Erhalt der großen jüdischen Siedlungsblöcke im Westjordanland ausgesprochen, sich aber auch von der israelischen Besatzung distanziert. Er verspricht zahlreiche Sozialreformen. Der Ex-Militär präsentiert sich vor allem als Gegenentwurf zu Netanjahu: Er wolle die Gesellschaft wieder einen, statt die einzelnen Lager gegeneinander auszuspielen, lautet seine Botschaft.

Spitzname "der Prinz"

Gantz ist der Sohn einer Holocaust-Überlebenden aus Ungarn, die 1945 aus dem KZ Bergen-Belsen befreit wurde. Sein aus Rumänien stammender Vater war Mitglied der Moshav-Bewegung und der Hilfsorganisation Jewish Agency, die für Einwanderung nach Israel zuständig ist.

Er selbst hat eine lange Militärkarriere hinter sich. 1977 wurde Gantz eingezogen und diente bei den Fallschirmjägern. 1989 wurde er Kommandant der Eliteeinheit der Luftwaffe "Shaldag" (Eisvogel). Sein schneller Aufstieg in der Armee brachte Gantz den Spitznamen "der Prinz" ein. 2005 bis 2009 war er Militärattaché in den Vereinigten Staaten, von 2011 bis 2015 dann Chef der israelischen Streitkräfte.

Entscheidend für die Regierungsbildung wird aber das Abschneiden der kleineren Parteien sein. Dabei zeichnet sich eine weitere Zersplitterung des israelischen Parlaments, der Knesset, ab, könnten doch 14 Listen den Sprung über die Wahlhürde (3,25 Prozent) schaffen. Weil das rechte Lager in den Umfragen einen deutlichen Vorsprung aufweist, könnte Netanjahu auch bei einer Niederlage des Likud das bessere Ende für sich haben.

Beobachter weisen aber darauf hin, dass mehrere potenzielle Netanjahu-Verbündete nur sehr knapp über der Wahlhürde liegen. Während im rechten Lager bis zu fünf Parteien den Parlamentseinzug verpassen könnten, sind es im linken Lager nur zwei.