Ankara/Wien. Das Pensum war selbst für die Verhältnisse des Staatspräsidenten enorm. In den Wochen vor den türkischen Kommunalwahlen war Recep Tayyip Erdogan durch das halbe Land getourt, hatte hunderte Hände geschüttelt und Rede um Rede gehalten. Überall war das Gesicht des Mannes, der bei diesen Wahlen gar nicht am Stimmzettel stand, zu sehen gewesen. Erdogan lächelte von riesigen Plakaten und aus Zeitungen, viele TV-Sender strahlten sogar die acht Ansprachen, die Erdogan an einem einzigen Tag gehalten hatte, in voller Länge aus. Wie schon auch bei den vergangenen Urnengängen sollte damit nichts dem Zufall überlassen bleiben.

Sein Ziel hat Erdogan, der die Wahl immer wieder zu einem Kampf um den Fortbestand oder Niedergang des Landes stilisiert hat, dennoch nicht erreicht. So ist die national-konservative AKP, deren Parteichef der Präsident seit knapp zwei Jahren wieder ist, aus der Abstimmung am Sonntag zwar erneut als landesweit stärkste Kraft hervorgegangen. Doch vor allem in den Großstädten musste die Regierungspartei teils empfindliche Stimmenverluste hinnehmen. So verlor die AKP nach knapp zwei Jahrzehnten an der Macht den Bürgermeistersessel in der Hauptstadt Ankara. Mit 50,9 Prozent der Stimmen lag Mansur Yavas, der Kandidat der linksnationalistischen CHP, klar vor AKP-Umweltminister Mehmet Özhaseki, der auf 47 Prozent kam. Noch schmerzlicher als der Verlust der Hauptstadt dürfte für Erdogan aber das Ergebnis in Istanbul gewesen sein. In der 15-Millionen-Metropole am Bosporus, in der einst Erdogans politischer Stern aufgegangen war und die er selbst viele Jahre als Bürgermeister regiert hatte, lag die CHP bei fast vollständig ausgezählten Stimmen knapp vor der Regierungspartei, die mit Ex-Premier Binali Yilidirim noch dazu einen äußerst prominenten Kandidaten ins Rennen geschickt hatte.

- © M. Hirsch
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"Es geht ans Eingemachte"

Dass es gelungen ist, dem Präsidenten viele wichtige Städte abzuluchsen, dürfte auch für viele in der Opposition, die in der Vergangenheit immer wieder an der scheinbaren Unbesiegbarkeit Erdogans zerbrochen war, unerwartet gekommen sein. Doch ganz überraschend ist der Erfolg der CHP nicht. Denn auch wenn der Präsident in seinen Reden immer wieder den wirtschaftlichen Fortschritt der Türkei seit der Regierungsübernahme der AKP im Jahr 2002 betont hat, verfängt diese Botschaft auch bei Erdogans Kernwählerschaft deutlich weniger stark als früher. Denn die verbesserte Infrastruktur im anatolischen Hinterland und all die neuen Spitäler, Sportstadien und Schnellstraßen können kaum darüber hinwegtäuschen, dass sich der ehemalige Boom-Staat Türkei derzeit in einer veritablen wirtschaftlichen Krise befindet. So ist nicht nur die Zahl der Arbeitslosen innerhalb eines Jahres um eine Million angestiegen, seit Ende 2018 steckt das Land auch ganz offiziell in der Rezession.