Das autobiografische Ich steht bei Andreas Maier zwar spätestens seit der "Ich" betitelten Sammlung seiner Frankfurter Poetikvorlesungen auf dem Programm. Definitiv seit seinem 2010 gestarteten und auf elf Bände konzipierten Erinnerungsprojekt, dem Romanzyklus "Ortsumgehung", aber weiß man, dass es dabei weniger schillernd-flamboyant und verschwenderisch-egozentrisch zugehen wird als
etwa in der vorläufigen Lebens-bilanz des Schauspielers Helmut Berger aus dem Jahr 2000 - gleichfalls "Ich".

Maiers Heimat in der Wetterau ist nicht der Golf von Neapel, die Tochter der Bindernagelschen Buchhandlung nicht Luchino
Visconti und der in Hessen angesagte Apfelwein kein Kokain aus Kolumbien. Man kann sich ein
literarisches "Ich" erarbeiten, wenn man das möchte. Aber man kann sich kein Ego kaufen.
Zuletzt hieß es erst im Vorjahr im Band "Die Universität" über die Studienjahre des Autors in Frankfurt am Main und etwa seine Arbeit als Pfleger der Adorno-
Witwe Gretel: "Ich, das ist der Mittelteil des Wortes Nichts."

Formenstrenge

Andreas Maier hat über Thomas Bernhard dissertiert, dessen autobiografische Erzählungen ("Die Ursache", "Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte", "Ein Kind") sich in der "Ortsumgehung" zumindest in der Titelwahl und in einem Hang zur Formenstrenge wiederfinden. Was bei Maier mit "Das Zimmer" begann und von "Das Haus", "Die Straße", "Der Ort", "Der Kreis" und "Die Universität" fortgesetzt wurde - um dereinst mit "Der Teufel" und "Der liebe Gott" zu enden -, erkundet aktuell also "Die Familie".

Die Familie ist außer ein Ideal- und Trugbild immer auch ein Problemfall, vor allem, wenn es um die eigene geht. Und sie entwickelt sich sogar dann, wenn man sie als Standbild betrachtet, in ihrer Wahrnehmung und Außenwirkung weiter. Nach dem kindlichen Blick auf das vermeintlich Gegebene, Klare und Faktische stellen sich im Auf- und Erwachsen zunächst über die Hinterfragung und Konfrontation sowie später auch die Erinnerung zunehmend Unschärfen ein. "Die Avatare versammeln sich noch einmal neu. Es ist eine düstere Gesellschaft. Irgendwann haben sie sich von ihren Originalen abgelöst. (. . .) Ich selbst bin ein solcher Avatar, ohne es gewußt zu haben. Ich bin als solcher sogar schon auf die Welt gekommen. Zu mir gibt es kein Original." Erst gegen Ende des mit 167 Seiten gewohnt knapp gehaltenen Bandes erfolgt durch eine Recherche in der zentralen Grundstücksangelegenheit die vielleicht wichtigste Wahrnehmungsmetamorphose, die den Autor als Autor vor sein Publikum treten lässt: "Ich schreibe die
ganze Zeit Nachkriegsliteratur,
ohne es zu merken. Entschuldigungsliteratur. Ich!"

Dabei kehrt Andreas Maier wie in einer Jazz-Suite zum vorerst als unschuldig rezipierten Romananfang zurück, der den Quasiboykott des Schwimmunterrichts und die daraus resultierende Fünf im Zeugnis in der Rückblende erzählt. Wir lernen, warum das keine Auswirkung haben musste und wie die Familie generell an der (Aus-)
Löschung dessen wirkt, was ihr im Weg stehen könnte.

Man ist konservativ, einflussreich und kann es sich richten. Es ist also nicht überraschend, dass kein zärtlicher Erzählton angeschlagen wird, sondern ein weitgehend nüchternes Erkunden des Gewesenen dominiert. Zwischen den ersten, noch humorvoll geschilderten Abnabelungsversuchen des großen Bruders (etwa im von den Eltern als Sodom imaginierten Jugendzentrum) und dem Reißaus der Schwester als (temporärem) Bruch mit der Verwandtschaft geht es nicht zuletzt um Grund und Boden, dessen Verteilung per Vertrag (und womöglich dessen Umgehung) sowie um eine denkmalgeschützte Mühle, die sich als Klotz am Bein erweist - bis eines Tages "etwas passiert".

Schwamm drüber

Wir lernen, dass bei der verpflichtenden Entfernung von "Bewuchs" unter Zuhilfenahme eines Baggers schon einmal ein Hoppala passieren kann, das den Verwandtschaftsverbund eigentümlich zusammenschweißt. Und mit dem Blick des Erzählers ändert sich plötzlich auch der Begriff und Titel "Die Familie", der nun eine Mafia-Konnotation annimmt und Andreas Maier den Begriff "Omertà" verwenden lässt.

Schwamm drüber. Alles verschwimmt. Am Ende des Romans heißt es: "Mein Gott, wie lang war das her! Vielleicht hatte es nur so ausgesehen. Vielleicht hatte ich die Handlungen falsch interpretiert. Vielleicht hatten wir alle das. Nichts konnte beweisen, daß es wirklich so gewesen war."
Verdrängung und Vernichtung in destruktiver Symbiose.

Andreas Maier

Die Familie

Roman. Suhrkamp, Berlin 2019, 167 Seiten, 20,60 Euro.