Farzat Jamils Augen sind leer. Zu lange schon hofft in Wien lebende Syrer auf ein Wunder, zu lange schon geht ihm die Szenerie nicht aus dem Kopf: 13 seiner Familienmitglieder sind im Mittelmeer ertrunken, weil sie aus ihrer Heimat geflüchtet waren: Dass er überlebt hat, und seine Schwestern auch, sein Vater und sein Bruder, das liegt am Zufall: Seine Kinder, seine Frau, die Kinder des Bruders, Verwandte, sie waren unter Deck, als das Boot kenterte, während die Überlebenden an Deck standen und ins Wasser springen konnten. Farzat hofft, dass er seine Verwandten irgendwann einmal bergen und bestatten kann. Ein schier aussichtsloser Wunsch.

Dieses Schicksal ist einer der beiden zentralen Erzählstränge, die die belgische Dokumentarfilmerin Nathalie Borgers ("Fang den Haider") in ihrem neuen Film "The Remains - Nach der Odyssee" miteinander verwebt. Im zweiten Strang begibt sie sich auf die griechische Insel Lesbos, wo besonders viele Menschen in den kliffreichen Gewässern gekentert und ertrunken sind. Sie sieht sich um bei Bestattern, bei NGOs, die Vermisste suchen, bei Menschen, die aus all den angetriebenen Schwimmwesten neue Taschen schneidern.

Nathalie Borgers geht mit feinsinnigem Gespür auf die Überbleibsel dieser großen humanitären Katastrophe zu und hat diese weitergedacht: Dass der inzwischen verebbte Flüchtlingsstrom erst der Anfang einer ungeheuren Herausforderung für Geflüchtete und Euopäer ist, wird in ihrem bei der Diagonale mit dem Doku-Preis prämierten Film besonders gut herausgearbeitet.

Dokumentarfilm

The Remains - Nach der Odyssee, Ö 2018

Regie: Nathalie Borgers