Wien. Wenn Brigitte Kranner auf einem Bahnhof steht, dann sieht sie keine Gleise, sondern wertvolle Rohstoffe. "Ein riesiges anthropogenes Rohstofflager", wie sie sagt und damit meint, dass es sich um kein natürliches, sondern eine von Menschen geschaffene Rohstoffader handelt. "Das Schienennetz in Deutschland hat 33.000 Kilometer. Die Schienen sind doppelt verlegt, das sind 66.000 Kilometer. Ein Meter Schiene wiegt 40 Kilo und ein Kilo kommt je nach Marktpreis auf zehn bis 20 Cent. Multipliziert mit den Kilometern ergibt das eine Milliardensumme", rechnet die Geschäftsführerin von "Altmetalle Kranner" mit Standorten im unter anderem in der Brigittenau vor.

Kranner führt das vor 72 Jahren gegründete Familienunternehmen in dritter Generation. "Wir kaufen Altmetalle ein und sortieren diese nach den Wiederverwertungskriterien. Wir setzen Urban Mining praktisch um. Urban Mining ist ein Geschäft. Wenn der Rohstoff einen Wert hat, wird er gehandelt. Der Wert richtet sich nach der Verfügbarkeit", sagt Kranner.

Bei Urban Mining gehe es um wertvolle Rohstoffe, die in der Stadt bereits vorhanden sind. Um Rohstoffe, die im besten Fall nicht gefördert werden müssen. "In Wien gibt es überall Rohstoffe, sei es in den Oberleitungsdrähten der Straßenbahn oder in den Stromleitungen. Wir sind von Rohstoffen umgeben", so Kranner. Die Rohstoffe, die sie meint, befinden sich in Bauwerken, in Geräten, in Fahrzeugen sowie in der gesamten Infrastruktur. "Alle Wasserrohrleitungen in Wien waren aus Eisenguss. Jetzt werden diese Leitungen stillgelegt und innen drinnen werden Kunststoffrohre verlegt. So könnte man etwa bei Bedarf die Wasserrohrleitungen aus dem Boden fördern."

Kranner hat auch einen eigenen Blog über das Thema Urban Mining initiiert. 2016 wurde sie dafür mit dem Urban Mining Award - einem deutschen Preis - ausgezeichnet. Heuer ist das Unternehmen für den Umweltpreis der Stadt Wien nominiert.

Mit dem städtischen Bergbau befasst sich auch Johann Fellner vom Institut für Abfallwirtschaft und Ressourcenmanagement an der TU Wien. Das angehäufte Materiallager in Wien, das sich in Gebäuden befindet, beziffert Fellner mit 380 Millionen Tonnen. Der Großteil davon (40 Prozent) ist Beton, gefolgt von Ziegeln (34 Prozent). Von den sechs Millionen Tonnen Metall sind 98 Prozent Eisen. Kupfer, das derzeit wertvollste Altmetall was den Preis und die Menge betrifft, macht 0,1 Prozent aus. Das Zahlenspiel auf Einwohner umgerechnet ist ebenfalls beeindruckend.