"Wiener Zeitung": Immer wieder wird der Brexit mit einer Scheidung verglichen. Was ist von diesem Vergleich zu halten?

Carmen Thornton: Es gibt durchaus Dinge, die vergleichbar sind. Entweder es gibt einen Austrittsvertrag oder einen harten Brexit. Im Familienrecht gibt es die einvernehmliche Scheidung oder die strittige Scheidung. Die einvernehmliche Scheidung wäre mit dem Austrittsvertrag vergleichbar, denn da haben beide Parteien einen Kompromiss gefunden. Man hat - bei einem Austrittsvertrag wie auch bei einer einvernehmlichen Scheidung - eine Regelung, auf die man sich verlassen kann und die kalkulierbar ist. Bei der strittigen Scheidung ist der Ausgang nicht klar. Denn man kann nie wissen, wie das Verfahren ausgehen wird. Eine Scheidung im Streit kann viel Geld und Nerven kosten und man hat auch mit Kollateralschäden zu rechnen. Ähnlich ist es mit dem Hard Brexit: Dieser kann Großbritannien ins wirtschaftliche Chaos stürzen und zu Folgen führen, die für Großbritannien - aber auch für die Europäische Union - heute noch gar nicht abzusehen sind.

Carmen Thornton, Anwältin für Familienrecht. Ist der Brexit wie eine Scheidung? - © Thomas Seifert
Carmen Thornton, Anwältin für Familienrecht. Ist der Brexit wie eine Scheidung? - © Thomas Seifert

Wenn man diese Analogie weiterspinnt: Wäre der Marktzugang in einer Zollunion mit dem Besuchsrecht vergleichbar?

Man kann sich scheiden lassen, aber wenn man Kinder hat, dann muss man weiter kommunizieren in irgendeiner Art und Weise zusammenarbeiten. Großbritannien kann zwar aus der EU austreten, aber die Britischen Inseln können nicht einfach die Grenzen völlig dichtmachen und nicht mehr mit der Union Handel treiben oder den Reiseverkehr unterbinden. Grundsätzlich wäre es besser gewesen, wenn Großbritannien sich beim Eintritt in die Europäische Gemeinschaft im Jahr 1973 über die Rechte und Pflichten, die aus der Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft resultieren, im Klaren gewesen wäre. Genauso wie es im Übrigen sinnvoll ist, sich zu überlegen, was die Rechte und Pflichten in einer Ehe sind und wie das alles im Trennungsfall aussieht.

Die Möglichkeit zum EU-Austritt wurde ja erst im Vertrag von Lissabon im Jahr 2007 geschaffen.

Damals wurde eine Austrittsmöglichkeit geschaffen. Aber befasst hat sich vermutlich niemand so genau damit. Schließlich konnte man ja nicht davon ausgehen, dass ein EU-Mitgliedsland irgendwann wieder aus der EU austreten wird. Noch vor einigen Jahren hätte die Prognose, dass ein EU-Land austreten will, Staunen und Stirnrunzeln ausgelöst. Bisher war man in Brüssel nur Erweiterungsrunden gewöhnt.

Wer denkt bei einer Hochzeit schon an Scheidung?

Leute heiraten und gehen davon aus, dass sie bis zum Ende ihres Lebens miteinander glücklich sein werden. Sonst würden sie doch in den allermeisten Fällen erst gar nicht heiraten. Wenn es kracht, dann gehen die Emotionen hoch - und das ist verständlich. Irgendwann glätten sich die Wogen und beide Seiten kommen zusammen und in vielen Fällen gelingt es, eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden. Im Fall des Brexit ist die Sache ein wenig anders, denn da gab es ein Referendum, seither brennt der Hut. Man kann auch nicht davon ausgehen, dass die Emotionen nach einem Brexit wieder runtergehen, dazu ist die Spaltung in der britischen Gesellschaft zu tief.